stef heidhues

Jens Asthoff

Yes Sir, No Sir

Stef Heidhues im Kunstverein Springhornhof, Neuenkirchen, 23. Juni – 5. August 2012

[Aus: Kunstforum International Bd. 218, Oktober – Dezember 2012, S. 294–295] 

Drei Flaggen hängen da an der Wand, unbewegt, groß, in beinah staatstragender Schwere. Ohne Embleme oder Muster, stattdessen mit grobstofflich-streifiger Textur, die Farbe zwischen Rostbraun und matt glänzendem Silbergrau. Ein bisschen ramponiert wirken sie, der untere Rand ist stark ausgefranst, und einzelne Fäden hängen bis auf den Boden herab.

Erst im Näherkommen erkennt man den wahren Materialcharakter, und erst damit entfaltet sich auch das plastische Bild: Für „Flag 1–3“ (2012) hat Stef Heidhues keinen Stoff verwendet, sondern verschieden lange Fahrradketten an Trägerstangen aufgereiht und diese an der Wand installiert. Mit Einsicht in die tatsächliche Beschaffenheit der „Flags“ wird nicht nur der leichte Ölgeruch plötzlich plausibel, der unterschwellig wahrzunehmen ist. Man erkennt auch, wie Heidhues hier die Form einer Flagge quasi als Bildmuster einsetzt, um daran plastische Aspekte kontrastierend durchzuspielen: Etwa wenn vermeintlich schlaff hängender Fahnenstoff plötzlich als metallene Schwere spürbar wird, wenn sich textile Struktur als lineares Nebeneinander stählerner Stränge erweist, wenn auf den Boden herabhängende Fransen sich nun in charakteristischer Steifheit von Kettengliedern kringeln – und ausrangierte, praktisch schrottreife Fahrradketten sich im neuen Kontext plötzlich als Gewebe von verblüffender Schönheit erweisen.

Heidhues arbeitet oft mit solchen latenten Wirklichkeitszitaten, um plastisches Material in veränderte Wahrnehmungszusammenhänge zu überführen. Doch bleibt der Gegenstandsbezug in ihren Werken stets hinreichend abstrakt: Was auf den ersten Blick eine Flagge, ein Geländer, Straßenpoller oder Lüftungsgitter sein könnten, wird – durchaus unter Beibehaltung des jeweiligen Assoziationskerns – zum Ausgangs- und Bezugspunkt für subtil inszenierte, überraschende Materialkombinationen, die in Durchführung und Details dann auch mal weit vom imaginierten Bildmuster wegführen. Ihre Skulpturen sind autonom in dem Sinne, dass sie nicht tatsächlich vortäuschen, etwa eine Flagge zu sein, sondern aus dem kontrastierenden Spiel mit dem gegenständlichen Assoziationsfeld heraus unmittelbar auf plastischer Ebene Spannung herstellen. 

Dieser Umgang zeigt sich bei Heidhues ganz ähnlich auch im Medium der Collage. In der Ausstellung waren die zehnteilige „Schwarze Serie“ (2010) sowie zwei Einzelblätter „Komposition I und II“ (2012) zu sehen. Heidhues verwendet hier meist Ausschnitte aus Werbung oder Modezeitschriften, neben formalen Strukturen sind darin also auch figurative, gegenständliche oder landschaftliche Elemente erkennbar. Doch sind die stets so eng zum abstrakten Bildganzen verwoben, dass sie auch ornamental Sinn machen und sich daraus insgesamt ein eigenständig neuer Sehzusammenhang erschließt. Wie bei den Skulpturen besteht ein gewisser für Heidhues typischer Minimalismus darin, dass sie nur wenige, am Resultat stets ablesbare Eingriffe vornimmt, und doch aus dem Gegebenen ein völlig verändertes Ganzes macht. Ihre Skulpturen und Collagen sind buchstäblich durchschaubar: Heidhues verwendet häufig Fundstücke, inhaltlich besetzte Materialien also, und diese Bild- und Objektqualitäten gehören dann in das skulpturale Assoziationsfeld mit hinein; man sieht die rostige Fahrradkette, und man soll sie sehen. Das Realitätsfragment ist ausdrücklich mitgedacht und geht, transformiert, doch ganz in einem abstrakten, neuen Kontext auf. 

Eine vergleichbare Überblendung findet in „Railing“ (2012) statt, einer schmalen, mitten im Raum platzierten, fast improvisiert wirkenden Skulptur. Sie besteht aus drei gleichartigen Elementen, die an Absperrpoller denken lassen, wie sie etwa zum Anschließen von Fahrrädern dienen. Tatsächlich handelt es sich um leicht modifizierte Stahlrepliken solcher Objekte, die Heidhues sockellos im Raum präsentiert. Zwei lehnen an Säulen und sind durch Thera-Bänder locker mit ihnen verbunden, das dritte Element schließt, an beide angelehnt, die Lücke. Untereinander sind die schweren Poller durch Bänder verknüpft, und im Ensemble besetzt und sperrt das fragile Gefüge das Zentrum des Raums. Es ist darüber hinaus mit vier kleinen, farbig glasierten Keramiken bestückt, die an den gerundeten Stangen mit weißen, schwarzen oder beigefarbenen breiten Gummibändern befestigt sind. Die Bänder hängen lose herab, haben nur knapp Bodenkontakt, bilden damit weiche Parallelen zu den Stahlbeinen der Poller. So ist „Railing“ insgesamt ein reduziertes plastisches Volumen, das leicht wie eine farbig akzentuierte Linienzeichnung den Raum durchzieht und dessen rhythmische Syntax sich entlang von Punkten leichter Berührung und loser Verbindung entfaltet. Die abstrakt-amorphen Keramiken wirken dabei ein wenig wie angedockte Fremdkörper, tatsächlich sind es die einzigen offensichtlich handgeformten und -gefärbten Objekte im ganzen Ensemble. Trotz solcher Unmittelbarkeit des Handgemachten scheinen sie darin doch das Abstrakteste zu sein: formalisierte Passstücke, wie bildhafte Stellvertreter und plastische Transformationen eines Gebrauchs, den man von solchen Pollern in der Realität tatsächlich macht.

Auch in „Caught Up Fence“ (2012) oszilliert der latent gegenständliche Bildgedanke mit abstrakter Struktur. Das zwischen zwei Holzträgern frei im Raum verspannte, irreguläre Gitterwerk aus zahlreichen rautenförmig gebogenen Aluminium-Elementen lässt an einen ziemlich durcheinander geratenen Maschendrahtzaun denken. Mal ist ein, mal sind mehrere Elemente ineinandergesteckt, zudem ist das labyrinthische Geflecht von schwarzem Gummiband unregelmäßig teils durchzogen, teils von Decke und Pfeilern aus gehalten. Auch ein einzelnes orangefarbenes Band ist als farbgebende Geste in die labile Linienordnung eingeflochten. Heidhues hat hier eine präzise austarierte, komplexe Komposition geschaffen, in der serielle Elemente zu a-serieller Struktur verknüpft sind: ein diffiziles, durch keine Logik definiertes Gleichgewicht, das sich visuell weit aus dem Raum zurückzieht und ihn doch skulptural beherrscht.

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